Predigt zum Nachlesen

Predigt am 02. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juni 2021 in Hugsweier und Langenwinkel von Pfarrer Axel Malter

Hinführung zum Predigttext:
Unser heutiger Predigttext hat eine Vorgeschichte. Es ist die Josefgeschichte aus den letzten Kapiteln des ersten Mosebuchs. Vielleicht erinnern sich manche von Euch aus dem Kindergottesdienst oder aus dem Reliunterricht an diesen Josef und seine Geschichte. – Für alle anderen möchte ich die Vorgeschichte zu unserem Predigttext kurz zusammenfassen. Und auch für diejenigen unter uns, die die Josefgeschichte zwar irgendwie kennen, bei denen Kindergottesdienst oder Reliunterricht aber doch schon eine ganze Weile her ist.

Josef war einer der Söhne von Jakob. – Ihr erinnert Euch vielleicht: Jakob war der mit den zwei Frauen: Lea und Rahel. Wobei er Rahel lieber mochte, obwohl sie ihm lange keine Kinder gebären konnte. – Der erste Sohn von Rahel und Jakob war Josef. Josefs zehn ältere Brüder waren von Lea. – Josef war Jakobs Lieblingssohn. Logisch: Lieblingsfrau – Lieblingssohn! Während die älteren Brüder in der Landwirtschaft halfen, saß Josef daheim dem Vater auf dem Schoß. Und Jakob schenkte ihm ein besonders schönes Gewand. – Wie es mit verhätschelten Kindern manchmal ist, so wurde auch Josef leicht unausstehlich und überheblich: Zweimal träumte er in unterschiedlichen Träumen davon, dass sich seine Brüder samt Vater und Mutter vor ihm verneigen. Und er war dumm genug, seinen Brüdern auch noch von diesen Träumen zu erzählen. – Kein Wunder, dass die Brüder auf Josef neidisch wurden und ihn hassten. Als Josef einmal seine Brüder auf dem Feld besuchte, um ihnen Proviant zu bringen, nutzten die Brüder die Gelegenheit: Sie nahmen ihm sein buntes Gewand weg und weil sie sich nicht darauf einigen konnten, ihn umzubringen, warfen sie ihn erst mal in ein fast leeres Wasserloch. Recht spontan verkauften sie ihn dann als Sklave an eine vorbeiziehende Karawane. - So, den waren sie los! Auf dem Sklavenmarkt in Ägypten wurde Josef an einen Mann namens Potifar verkauft. Bei dem ging es ihm solange gut, bis Potifars Frau bemerkte, dass Josef ein ganz hübscher Bursche war und ihn verführen wollte, wenn Potifar außer Haus war. – Gekränkt, weil Josef ihr unmoralische Angebot ablehnte, drehte sie vor ihrem Mann den Spieß um und behauptete, Josef sei zudringlich geworden. Das war zwar gelogen, aber Josef wurde trotzdem dafür ins Gefängnis geworfen. – So war Josef nun also wirklich ganz unten angekommen. Aber schon bald durfte er im Gefängnis dem Aufseher zur Hand gehen und Essen verteilen. So lernte er im Gefängnis unter seinen Mitgefangenen den früheren Bäcker und den früheren Mundschenk des Pharao kennen. Der Pharao war der König von Ägypten. Diesen beiden Mitgefangenen, dem Bäcker und dem Mundschenk, deutete Josef im Gefängnis ihre Träume. Und es geschah genauso, wie es Josef vorausgesagt hatte: Der Bäcker wurde hingerichtet, der Mundschenk aber wurde wieder in sein Amt als Mundschenk des Pharao eingesetzt. – Josef dagegen blieb im Gefängnis. Als der Mundschenk später, wieder am Hof des Pharao, mitbekam, dass die Traumdeuter des Pharao sich vergeblich bemühten einen Traum des Pharao zu deuten, erinnerte er sich an Josef. So wurde Josef aus dem Gefängnis geholt, um den Traum des Pharao zu deuten. Und tatsächlich, Josef verstand die Bedeutung des Traums: Sieben fette Kühe im Traum des Pharao standen für sieben gute Jahre, die kommen sollten. Sieben magere Kühe im Traum standen für sieben schlechte Jahre, die den sieben guten Jahren folgen würden. – Und Josef lieferte auch gleich die passende Empfehlung an den Pharao: In den sieben guten Jahren müsste vorgesorgt werden, um die sieben schlechten Jahre zu überstehen. Damit hatte Josef das Vertrauen des Pharao gewonnen. Der Pharao machte Josef zum zweitmächtigsten Mann in Ägypten. Die guten Jahre kamen und Josef ließ Kornspeicher bauen und mit Vorräten füllen.Die schlechten Jahre kamen und Josef öffnete die Kornspeicher. In Ägypten gab es dank Josef genug zu essen. Das sprach sich auch unter den Nachbarvölkern herum, die jetzt Hunger litten. Eines Tages traten Josefs Brüder die Reise nach Ägypten an, um dort Getreide zu kaufen. Und es kam, wie es kommen musste. Sie begegneten Josef. Der aber war inzwischen ein paar Jährchen älter, sprach und sah aus wie ein Ägypter. So erkannten die Brüder Josef nicht wieder. - Dem alten Vater Jakob hatten sie damals ja erzählt, Josef sei auf freiem Feld von einem wilden Tier zerrissen worden. Und vielleicht glaubten sie das ja inzwischen ja selber. Jedenfalls rechnete keiner von den Brüdern damit, dass Josef noch am Leben war. Und dass so ein vornehmer Mann, wie er nun vor ihnen stand, aus Josef geworden war, damit war nun auch wirklich nicht zu rechnen. Die Brüder erkannten Josef also nicht. Aber Josef erkannte seine Brüder. – Und nun stellte er seine Brüder auf die Probe. Er beschuldigte sie: “Ihr seid Spione.“ – Er verhörte sie und fragte sie aus über ihre Familienverhältnisse: Der Vater, Jakob, lebte noch. Und es gab inzwischen noch einen jüngeren Bruder namens Benjamin, auch ein Sohn von Rahel. – Aber der war noch jung und zu Hause geblieben. – Auch dass es einen der Brüder nicht mehr gibt, erzählten die Brüder dem Josef. Josef behielt einen der Brüder als Geisel in Ägypten. Der sollte erst freikommen, wenn Josef den jüngsten Bruder, Benjamin, zu Gesicht bekommen hätte. – Die übrigen Brüder zogen mit dem eingekauften Getreide nach Hause. – Unterwegs merkten sie erschrocken, dass das Geld, das sie für das Getreide bezahlt hatten, wieder oben in ihren Getreidesäcken lag. Als das Getreide aufgebraucht war, ließ Jakob schweren Herzens auch seinen Benjamin mit nach Ägypten reisen. Und diesmal stellte Josef seine Brüder auf eine noch härtere Probe. Diesmal ließ er für die Heimreise seinen silbernen Becher in Benjamins Getreidesack schmuggeln. Dann ließ er einen berittenen Boten seinen Brüdern nachsetzen und die Getreidesäcke kontrollieren. Wie er es selbst arrangiert hatte, wurde der silberner Becker von Josef in Benjamins Getreidesack gefunden. Die Brüder mussten umkehren nach Ägypten. Und dort beschuldigte Josef den Benjamin, seinen silbernen Becker gestohlen zu haben. Zur Strafe drohte er, Benjamin als Sklaven zu behalten. Aber da sprang sein großer Bruder Juda für Benjamin in die Bresche und sagte: „Ich habe meinem Vater, Jakob, bei meinem Leben versprochen, dass Benjamin zurückkehren wird. Behalte mich als Sklaven und lass Benjamin mit den anderen nach Hause ziehen.“ Da merkte Josef, dass seine Brüder sich verändert hatten. Er schickte den Dolmetscher und sein ganzes Personal hinaus und gab sich seinen Brüdern zu erkennen. – Für die Brüder war es ein Schock. Sie befürchteten sofort Josefs Rache. – Aber Josef beteuerte ihnen, dass er ihnen nicht mehr böse ist. – Josef hatte sich offenbar auch verändert. Josef ließ seine Brüder reich beladen nach Hause ziehen und lud seinen Vater Jakob mit der ganzen Sippschaft ein, zu ihm nach Ägypten zu ziehen, um hier zu wohnen. Es wurde ein großes und tränenreiches Wiedersehen, als der alte Jakob bei Josef in Ägypten eintraf und die beiden sich in den Armen lagen.

Liebe Gemeinde, ich liebe Geschichten mit Happyend. – Aber die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist hier noch nicht fertig. Nach einigen Jahren starb der alte Jakob in einem gesegneten Alter. – Und das ist die Situation unseres heutigen Predigttextes.

Predigttext:
Der Predigttext steht heute im 1. Mosebuch, Kapitel 50, die Verse 15-21.
15 Die Brüder Josefs fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Gebet:
Herr, Dein Wort sei unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg. Amen.

Liebe Gemeinde,

man kann die Angst der Brüder verstehen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass zwischen Geschwistern nach dem Tod der Eltern der große Streit losgeht; dass alte Geschichten wieder aufgewärmt und alte Narben wieder aufgerissen werden. Ungesühnte Schuld schwelt oft noch lange weiter wie Glut unter der Asche: als Rachgier auf der einen und als schlechtes Gewissen auf der anderen Seite. Und diese Glut flammt von neuem auf, sobald sie von irgendwoher neue Nahrung bekommt. Damit ist zu rechnen. Jahrelang redet man miteinander über Belanglosigkeiten, wahrt aber Distanz, alles scheint friedlich. – Aber „aus der Welt“ – das weiß man – ist noch gar nichts. Unser menschliches Gedächtnis ist besonders leistungsfähig wo wir selbst gekränkt wurden oder andere verletzt haben, wo wir übers Ohr gehauen wurden oder betrogen haben - auch wenn seitdem schon
lange Zeit vergangen ist und darüber geschwiegen wurde. So etwas kann nach Jahren wieder aufbrechen oder neu ausgegraben und wieder ins Spiel gebracht werden.
Irgendein aktueller Konflikt wird zum Anlass – und plötzlich ist alles wieder da, als wäre es erst gestern gewesen. Das funktioniert in Familien und in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen, genauso wie
unter ganzen Völkern. Die Brüder jedenfalls haben Angst davor, dass Josef seinen Zorn nur um des Vaters willen zurückgehalten hat. Und dass er seiner Rache nun, da Jakob gestorben ist und er die Macht dazu hat, freien Lauf lässt. – Dass sie den Zorn Josef verdient hätten, ist ihnen jedenfalls klar. – Ihr schlechtes Gewissen ist hellwach und aufmerksam. Zunächst trauen sie sich noch nicht einmal, Josef überhaupt unter die Augen zu kommen. Sie schicken irgendwelche Boten vor und irgendwie auch den verstorbenen alten Vater Jakob. Sie lassen Josef ausrichten, es sei der letzte Wunsch des alten Jakob gewesen, dass Josef den Brüdern vergibt. Und dann verbrämen sie ihre ängstliche Bitte auch noch religiös: Weil sie doch Diener Gottes seien solle Josef ihnen vergeben. Die Angst der Brüder aber bekümmert Josef zutiefst. Er weint, als er die Boten der Brüder ihre Argumente vortragen hört. – Dass ihm seine Brüder so misstrauen! – Aber: ein schlecht Gewissen ist eben kein sanftes Ruhekissen! Schließlich kommt es dann doch zur direkten Begegnung der Brüder mit Josef. Sie werfen sich vor Josef nieder und sagen: „Wir sind deine Sklaven.“ – Ob Josef in diesem Moment an seine Jugendträume gedacht hat: die Träume, in denen seine Brüder sich vor ihm verneigten? Und ob er vielleicht doch ein ganz klein bisschen Genugtuung verspürt hat nach dem Motto: Ihr habt mich zum Sklaven gemacht. Und jetzt bietet Ihr Euch an, meine Sklaven zu sein. – Jedenfalls lässt sich Josef nichts von Genugtuung oder Schadenfreude anmerken. Wer um Vergebung gebeten wird, steht ja immer so ein ganz klein wenig in der Versuchung, Gott zu spielen. Er oder sie ist nun in der Position, großzügig Vergebung zu gewähren oder aber die Schuld weiterhin anzurechnen und Vergebung zu verweigern. Er oder sie hat dann so ein bisschen die Rolle der richtenden Instanz. – Josef widersteht dieser Versuchung. Er hat weder zu vergeben noch zu richten oder zu rächen: „Fürchtet euch nicht!“, sagt er. „Stehe ich denn an Gottes Statt?“
Und dann, im Rückblick auf die ganze Geschichte, über die er gewiss viel nachgedacht hat, sagt Josef einen gewichtigen Satz: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen. Aber Gott gedachte es gut zu machen.“
Mit diesen Worten deutet Mose alles, was passiert ist. – Alles, was ihm seine Brüder angetan haben, alles, was er danach durchgemacht hat, Sklaverei und Gefängnis … Aus der allzu menschlichen Geschichte, in der es für alles plausible Erklärungen gibt und die das Zeug zu einer grausamen Erzählung von Schuld und Rache hätte, wird durch Josefs Reaktion und durch seine deutenden Worte eine „Führungsgeschichte“: eine Geschichte, in der
Gott am Ende alles zum Guten geführt hat. Eine Geschichte, in der Gott das Böse, was die Brüder planten und inszenierten, umplante, so dass Gutes daraus entstehen konnte. – Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, behielt Gott die Fäden in der Hand ohne dass er die Zusammenhänge menschlichen Handelns und die Auswirkungen menschlichen Tuns und Lassens irgendwo außer Kraft gesetzt hätte. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen. Aber Gott gedachte es gut zu machen.“ So sieht Josef die Sache im Rückblick. Es ist nicht zwingend, das so zu sehen. Gottes Führung ist nicht zu beweisen: nicht in Josefs Geschichte und nicht in den Geschichten aus Schuld und aus Zorn und aus schlechten Gewissen in meinem oder in Deinem Leben. Aber es passiert hin und wieder: dass wir auf ein Leben oder einen Lebensabschnitt zurückblicken, staunen mit dem Kopf schütteln und sagen: „Da hatte noch ein anderer seine Hand im Spiel.“ Oder „Da muss ein ganz anderer schützend seine Hand über mir gehalten haben.“ Erst vor kurzem habe ich eine Frau so sagen können, die – jedenfalls nach außen hin - noch nicht einmal sehr fromm ist. Wo wir so zurückblicken und im Rückblick staunend erkennen, dass Gott seine Hand im Spiel hatte, - wo wir zurückblicken und sehen, wie er es Gott durch alle Bosheiten hindurch doch zum Guten geführt hat, da verstummen mit einem Mal alle Vorwürfe. – Wenn wir zurückblicken und merken, dass wir ganz ohne eine eigenen Plan nochmal aus dem Schlamassel herausgekommen sind, wenn wir sehen, dass wir nicht durch eigene Kraft, ja vielleicht trotz eigener Dummheiten aus der Misere herausgekommen sind, dann erlöschen alle Rachegelüste. Dann werden wir dankbar: einfach nur dankbar und sonst nichts. „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“, sagen wir dann. Was übrigens die Kurzfassung eines Bibelverses ist, in dem es heißt: Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche 16,9) – Oder wir sagen: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“ – Hinter solchen Redeweisen steckt die Erfahrung Josefs: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“
Freilich, man mag fragen: Warum lässt Gott das Böse überhaupt erst zu, um es dann doch noch zu einem Guten zu führen? – Warum verhindert er das Böse nicht einfach, anstatt es erst geschehen zu lassen, um es dann mühsam wieder umzuplanen und Gutes daraus entstehen zu lassen? – So schön ein Happyend ist: War das Böse und das Anstrengende und das Schmerzhafte auf dem Weg nicht trotzdem böse und anstrengend und schmerzhaft? Und wäre es nicht vermeidbar gewesen? – Ich müsste Gott sein, um Euch darauf die zutreffende Antwort geben zu können.
Die Josefgeschichte und Josefs deutender Satz darf uns jedenfalls nicht zu falschem Denken verleiten: Gott braucht nicht unsere menschlichen Fehlleistungen und das menschliche Böse, er braucht nicht das Leiden von Menschen, Tieren oder Pflanzen, um daraus Gutes entstehen zu lassen. – Und leider ist es auch nicht so, dass alles Böse und Schmerzhafte gut wird. Menschliche Bosheit darf durch solche Josefsätze nicht verharmlost werden. – Und sie helfen meist wenig in der Seelsorge, wenn Menschen einander das Leben zur Hölle machen. Und trotzdem ist es so, dass uns manchmal im Nachhinein – ja eigentlich immer erst im Nachhinein - aufgehen kann, dass Gott in unserem persönlichen Leben etwas zwischenmenschlich Böses umgeplant und zum Guten gewendet hat: dass er etwas Böses, das ohne und gegen ihn ausgedacht wurde und zustande gekommen ist, umgeplant und in Segen verwandelt hat. Und oft ist es so, dass Vergeben und Versöhnen möglich wird, so uns das aufgeht. Wir Christen gründen ja unseren ganzen Glauben auf eine solche Geschichte: Wir glauben,
dass Gott den furchtbaren, qualvollen Tod von Jesus am Kreuz, den Menschen veranlasst und zu verantworten haben, der ganzen Welt zum Segen und zur Rettung werden lässt: der ganzen Welt – auch Dir und mir.
Ja, es gibt solche Geschichten, in denen Gott das Böse umplant zum Guten. – So dass man am Ende fast den Eindruck hat: Es musste so geschehen! – Und wer weiß, vielleicht ist es auch so!
Dadurch wird freilich das Böse nicht gut! Aber es verliert seine verderbliche Macht.
Die Geschichte, auf der unser christlicher Glaube gründet, die Geschichte von Kreuz und Auferstehung Jesu gibt uns sogar die Hoffnung, dass allem Bösen seine verderbliche Macht schon genommen ist: dass in der Geschichte von Jesus Christus alles Böse bereits umgeplant ist und einem guten Ende entgegen geht. Im Glauben als Christen können wir uns vielleicht sogar die Hoffnung von Oscar Wilde zu eigen  machen, der gesagt hat: Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende. So lässt uns unser Glaube hoffen und wehrt unserer Verzweiflung, wenn wir Böses erleiden oder mit ansehen müssen. Und trotzdem wird das Böse durch die Hoffnung unseres Glaubens nicht weniger böse oder harmloser. Für Dietrich Bonhoeffer hat sich aus dieser Hoffnung ein ganzes Glaubensbekenntnis ergeben. Und damit will ich meine Predigt beschließen. Bonhoeffer schreibt: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es für Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum (= Schicksal) ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Amen.